Die Heimat ist nicht schön genug

Wehe dem, der sich in Fulda nicht an Richtlinien hält.

Tische und Bänke vor dem Lokal "Heimat" in FuldaOh Fulda, wie du polarisierst! „Deutschlands deprimierenste Stadt“ hieß es 2001 in einem Aufsehen erregenden Werbespot von Sixt. Von den Zuschauerinnen und Zuschauern des Hessischen Rundfunks wurde sie hingegen 2012 zur schönsten Stadt Hessens gewählt. In Fulda könne man alles: Natur, Kultur und Kneipe – und das eingebettet in die Schönheit einer Barockstadt mit Bischofsitz. Und genau diese Schönheit gilt es natürlich zu schützen. Unter anderem mit sieben Seiten „Richtlinie zur Satzung der Stadt Fulda über Sondernutzungen an öffentlichen Straßen und über Sondernutzungsgebühren“.

Aber an die hält sich scheinbar nicht jeder in Fulda. Zum Beispiel das Lokal „Heimat“, bekannt für seine Stullen, die nach Fuldaer Stadtteilen benannt wurden. Noch vor dem ersten Jahrestag gibt es den ganz großen Ärger. Ein anderer Gastwirt – so bestätigte ein Sprecher der Magistratspressestelle gegenüber der Fuldaer Zeitung – habe das Lokal angeschwärzt bei der Stadt Fulda, die wohl bereits auf die „Heimat“ aufmerksam geworden war: Die Tische und Stühle entsprächen nicht den Richtlinien. Dass das Petzen nicht die feine Art ist, steht außer Frage. Aber was sagt denn die Richtlinie nun zum Tatbestand? Schwarz auf Weiß heißt es dort:

„Festzeltgarnituren, einfachste Plastikmöbel und sonstige geringwertige Möblierungselemente dürfen nicht aufgestellt werden“.

Auf dem dunklen Backsteinpflaster vor dem Lokal stehen die Übeltäter: vier Tische mit jeweils zwei Bänken, darauf weiße und rosafarbene Kissen; in die Tische wurde „Heimat“ eingebrannt. Und ja, sie erinnern doch stark an eine Biergarnitur. Da sind die hölzernen, lackierten Tischplatten und Bänke (aber mit Lehnen!) und die einklappbaren Metallbeine. Minderwertig sind sie sicherlich nicht, aber

„die Möbel der ‚Heimat‘ haben eindeutig Festzeltgarniturencharakter“

so der Pressesprecher weiter. Und damit ist die „Heimat“ nicht schön genug für Fulda. Denn die Richtlinien dienen dazu, einer „[…] ‚Übermöblierung’ entgegenzuwirken und das bestehende Stadtbild stärker herauszustellen.“ Was sagen den die Fuldaerinnen und Fuldaer dazu? Bei einer Online-Umfrage der Fuldaer Zeitung gaben 22 Prozent (518 Stimmen) der Befragten an, wie die Stadt Fulda ein ästhetisches Problem mit Biergarnituren zu haben. Sie finden es also gut, dass die „Heimat“ neue Möbel kaufen muss. Doch einer klaren Mehrheit von 66 Prozent (1548 Stimmen) – exakt der Prozentsatz derer, die bei der Oberbürgermeisterwahl den CDU-Politiker Dr. Heiko Wingenfeld gewählt haben – gefallen die Möbel der „Heimat“ sehr gut. Es sei schade, dass sie ausgewechselt werden müssten. Die übrigen 12 Prozent wollten zwar unbedingt an der Umfrage teilnehmen, hatten aber keine Meinung zu dem Thema.

Die Betreiber der „Heimat“ wollten sich gegenüber Realsatire nicht mehr zu dem Fall äußern. Es werde alles zu heiß gekocht und man wolle sich auf das Geschäft konzentrieren. Schließlich steht ja bald ein großer Möbelkauf an. Und falls sich nun jemand fragen sollte, welche Farbe die Schirmbespannung in Fulda haben darf – es gibt 16 Optionen:

  • RAL 1013
  • Perlweiß
  • 1014 Elfenbein
  • 1015 Hellelfenbein
  • 6005 Moosgrün
  • 6019 Weißgrün
  • 7035 Lichtgrau
  • 7044 Seidengrau
  • 9001 Cremeweiß
  • 9002 Grauweiß
  • 9003 Signalweiß
  • 9010 Reinweiß
  • 9016 Verkehrsweiß
  • 9018 Papyrosweiß
  • Rubinrot 3003
  • Lachsrot 3022
  • Orientrot 3031

Die „Heimat“ hat sich für Rot entschieden.

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