„Wie ich beschloss, kein Instagram-Influencer zu werden“

Ich lebe im Ausland, reise wahnsinnig viel, fotografiere leidenschaftlich gerne – habe aber nur 112 Follower auf Instagram. Das zog ich aus zu ändern.
Kairo, Hotel mit Nilblick, 4:45 Uhr am Morgen. Ich habe einen Layover-Tag in Ägypten, die Pyramiden sind fällig. Wenn ich schon zu einem der berühmtesten Instagram-Selfie-Spots fahre, dann will ich einmal der Erste sein, allein im Morgengrauen alles für mich haben. Einmal eine Übersichtstotale ohne Touristen fotografieren. Instafotografen wissen: Im Morgenlicht knipst man die besten Selfies.
Nur 15 Kilometer nach Gizeh. Der Taxifahrer ist sehr froh, mich Sonderling schnell loszuhaben. “Here pyramids. Bye bye.”
Dickes Eisentor. Offene Müllcontainer. Fickende Katzen. Endlose Mauern. Durch das stählerne Rolltor, an Sicherheitsleuten vorbei, sehe ich gewaltige schwarze geometrische Formen. Die ägyptischen Pyramiden sind noch abgeschlossen.

Videos funktionieren am besten, habe ich gelesen

Ich laufe absolut allein die Mauer entlang. Rechts von mir kleine Häuser mit geschlossenen Läden. Tagsüber Touristenfallen, nachts Katzenschlafplätze. In einem flachen Lehmhaus ist Licht und viel Betrieb. Vier Männer arbeiten dort und gießen eine braune, giftig riechende Masse in Gipsformen. Ich stecke meine Nase in die Werkstatt und frage, wie ich denn jetzt näher an die Pyramiden komme. „Not possible. 8:30 open.“ Ok. „You want tea?“ Ja klar want I. Eine bedrohlich wacklige Holzleiter später sitze ich auf einem bedrohlich wackligen Plastikstuhl und blicke vom Dach auf den überdimensionierten Holzspielkasten geometrischer Formen im Sternendunkel vor mir.
Innerlich bereite ich den Instagram-Post „Tee auf dem Dach der Sphinxgießerei” vor. Videos funktionieren am besten, habe ich gelesen. Am besten was mit Servicecharakter, also etwas Nützliches erklären. Dann noch die richtigen Hashtags – und der Hase läuft. Heute lege ich den Grundstein zu meiner erfolgreichen Reisevideobloggerkarriere.
Jetzt wollen mir aber Ahmad und Mo eine Sphinxplastik, ein grünes Minipferdchen und noch eine Isis-Statue verkaufen. „For your family: Souvenir Epypt.” Ja, das würde meinem Vater schon gefallen, aber das schleppe ich doch jetzt nicht meinen ganzen Instagram-Tag mit mir herum. „l will come back, thanks for the tea.”

Noch im Zuckerschock vom Tee komme ich am nahegelegenen Kamelstall vorbei. „Wie komme ich zu den Pyramiden?“
„Ich kann Dich hinbringen. Horse or Camel?“
„What is the name of your horse?“
„No name.“
„What is the name of the camel?“
„Michael Jackson.“
Am nächsten Tag habe ich schlimme Schmerzen. Unterhalb des Bauchnabels vom Reiten, um den Bauchnabel herum von diesem Lachflash. Ich wische mir die Tränen weg, die wirken nicht so gut auf Selfies.
Der angehende Internetstar und der Kameltreiber werden sich auf einen Preis einig. Ich möchte den Sonnenaufgang an den Pyramiden fotografieren, erkläre ich dem berittenen Mann, der mein Kamel führt. Sein bulliger Nacken nickt.
Wir reiten durch ein heruntergekommenes Wohngebiet im realsozialistischen Betonbaustil. Mehr offene Mülltonnen, kläffende Straßenköter, Autos ohne Lack und Räder. Straßensperre. Fünf Soldaten hocken hinter Betonklötzen und winken ab: Auch die Wüste ist geschlossen. Wir reiten einen riesigen Bogen. Ich komme mir auf dem Kamel nicht wie Lawrence von Arabien vor, sondern wie ein dämlicher Volltrottel. Zum Glück ist noch keiner wach.

Ich, geschüttelt vom Kamel

Es wird langsam hell. „You come late”, sagt der Treiber und knallt seine Hacken in No Names Flanken. Michael Jackson röhrt laut, hat aber keine Lust auf einen schnelleren Beat.
„You kick camel or you late for sunrise.” Alles in mir wehrt sich. Ich möchte nicht zum Hashtag #animalcruelty werden. Also zerrt No Name an Michael, bis der in einen grazil gestreckten Kamelsgalopp übergeht. Mir fliegt fast alles aus der #cameragadget-Tasche. #whatsinmybag. Meine Knochen knacken Kosakenstyle und mein Respekt für Kameljockeys steigt rapide.
Mein rechter Steigbügel reißt ab. Ich stecke ihn in die Satteltasche, steige auch aus dem anderen und presse die Oberschenkel zusammen wie John Wayne.
Wir rasen an einer wummernden Disco am Wüstenrand vorbei und dann liegt die Zivilisation hinter uns. No Name wird langsamer. Michael Jackson tropft zähe Spucke in den Sand. 15 Minuten nichts. Wellentäler. Ein paar Reifenspuren in der Dämmerung.
Der perfekte Hintergrund für meinen ersten Videoblogbeitrag. Ich, geschüttelt vom Kamel, erzähle in die am gestreckten Arm gehaltene Kamera hinein. Wichtige Servicegedanken, die man als Weltreisender so wissen muss, heute: richtiges Grüßen vom Kamelrücken. Etikette ist wichtig. Niemand möchte umweltmännisch im Ausland auffallen. Da aber die Nachwehen des wilden Rittes mit der aufgehenden Sonne ganz klar auf mein Jetlag treffen, bekomme ich keinen klaren Gedanken zusammen und keinen Satz zu Ende. Nach sieben Versuchen, Deutsch und Englisch, gebe ich auf. Ich filme minutenlang meinen Schattenriss auf dem Kamel, als uns eine Bande brüllender Quads (vierrädrige Geländemotorräder) überholt.
Sie vollgasen durch die Dünentäler auf ein Ruinengeviert zu. Dieses „Café Ruiné“ ist eine Art Karawanserai in der Wüste. Michael Jackson vollführt einen knochenbrecherischen Breakdance. Ich bin wieder auf Bodenhöhe und darf absteigen.
Nur leicht schmerzverzerrt John-Wayne-walke ich zu einem Mäuerchen und lasse mich fallen. Wie überall an diesen Orten zwischen Zivilisation und Wildness gibt es fiesen Instantkaffee.
15 Jungs üben Wheelies mit ihren vierrädrigen Knatterdingern. In etwas Abstand jagen sich Touristengruppen auf Pferden. 20 Meter vor mir liegt ein totes Pferd im Sand. 300 Meter entfernt stehen im leichten Dunst die drei Postkartenmotive: Cheops, Chephren, Mykerinos, dahinter die drei Königinnenpyramiden. Zwischen uns ein vier Meter hoher Zaun, den ich nur mit Mühe aus dem Bild gehalten bekomme. Obendrein ist die Sonne genau an der falschen Stelle aufgegangen. #PhotoFail.
Ich habe meinen super Instagram-Beitrag nie online gestellt.

Als Service – wichtige Hashtags für Reisende:
#makeportraits #friendsandwalls #storyportrait #postmoreportraits #makeportraitsnotwar #chasinglight #justgoshoot #handsinframe #acertainslantoflight #makemoments #toldwithexposure #acolorstory #agameoftones #illgrammers #createcommune #fatalframes #thecreatorclass #adventureculture #departedoutdoors #worldcaptures #artofvisuals #travelawesome #followmefaraway #welivetoexplore #igshotz #travelandlife #welltravelled #justbackfrom #whatsinmybag #cntravelereats #passportexpress #passionpassport #thattravelblog #traveltheworld #lonelyplanet #justgoshoot #worlderlust #vacationgoals #takemethere #takemetherenow #vscocommunity #liveauthentic #thatsdarling #darlingmovement #flashesofdelight #livethelittlethings #nothingisordinary #thehappynow #welltravelled #visualsoflife #visualsgang #instamagazine #instamagazine_ #saturdaze #instainspo

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