The Voice of Bavaria

Der Bayer liebt seine Heimat. Das ist keine sonderlich originelle Erkenntnis und wirklich neu ist sie auch nicht. Trotzdem muss man diese Binse an den Anfang dieser blauweißen Kolumne stellen, weil man nur mit ihr die nachfolgend geschilderten Ereignisse auch wirklich verstehen kann.

Es gehört eindeutig zu den schwierigeren Dingen des Lebens, Liebe angemessen zum Ausdruck zu bringen. Noch dazu, wenn man Bayer ist. In den meisten Stämmen des Freistaats gilt nämlich die Devise: „Ned gschmipft is globt gnua!“ Das ist auf der einen Seite unzweifelhaft richtig und nebenher auch ein schöner Ausdruck bayerischer Lakonik. Auf der anderen Seite aber eben auch ein bisschen unzureichend, vor allem dann, wenn das zu lobende und liebende Objekt gerne ein  bisschen mehr hören würde.

Weil er es mit Reden nicht so sehr hat, der Bayer, singt er lieber. Nicht immer schön und nicht immer richtig, aber dafür mit jener Inbrunst, um die uns der Rest der Republik immer so beneidet. Deswegen, nebenbei erzählt, begeistern wir uns sogar für Fußball-Viertligisten, die ebenfalls nicht gut, aber leidenschaftlich sind.

Und sehr bayerisch: Ein neuer Spieler des TSV 1860 trägt den schönen Namen „Berzel“. Aber wer hätte nicht bei den Trikotfarben blau-weiß und der bayerischen Landeshauptstadt ganz andere Assoziationen? Spieler Berzel lief jedenfalls bei seinem ersten Einsatz mit folgendem Dress auf:

Screenshot bei Instagram: Spieler Berzel hat jetzt einen neuen Spitznamen…

(Freundlicher Hinweis: Das Brezel-Trikot soll jetzt für einen guten Zweck versteigert werden).

Aber ich schweife ab (auch darin sind wir Bayern übrigens unschlagbar). Der Bayer singt, manchmal auch einen rechten Schmarrn. Beim besagten TSV 1860 haben sie das ganze Jahr die Vereinshymne „Stark wie noch nie“ geschmettert und man darf gespannt sein, ob sie das auch in der 4. Liga tun werden.

Die sehr bayerische Bürgermeisterin Josefa Schmid wiederum hat es nicht so sehr mit dem Fußball, aber dafür mit ihrer Heimat, dem bayerischen Wald. Was also läge näher, als dem Wald ein Lied plus Video mit sehr viel Wald zu widmen? Frau Bürgermeisterin Schmids stimmliche Talente sorgten dennoch für einige Debatten. Und ob die Tatsache, dass es bei ihrer letzten Wiederwahl ziemlich knapp wurde, auch mit dem Erstling als Sängerin zusammenhing… aber bitte, sehen Sie selbst:

Zugestehen muss man ihr eine gewissen Vielseitigkeit: Frau Schmid kann auch a bisserl Coldplay…

…einen Hauch von Helene Fischer, also so richtigen Schlager, mit Texten wie „Tiziano, ti amo“:

…bis hin zum Swing along:

Die Kritiken für die „singende Bürgermeisterin“ fielen, sagen wir mal, bisher gemischt aus. Darüber würde sich der Kommunalpolitiker Christian Hanika von den Freien Wählern schon freuen, weil bei ihm und seiner Regensburg-Hymne eher keine zwei Meinungen existieren. In den Youtube-Kommentaren gehört „grauenhaft“ zu den gemäßigten Kommentaren. Die Süddeutsche Zeitung brachte die Sache auf den Punkt: Abgesehen von Text und Musik sei das Stück echt top. Die Frage drängt sich allerdings trotzdem auf: Bekommt Hanika bei den nächsten Wahlen eigentlich Stimmen trotz oder gerade wegen Textzeilen wie „Da Bischof über Rengschbuag wacht / und a Engerl vom Himmel lacht“.

Natürlich haben singende Menschen meistens auch altruistische Motive. Dieser Würzburg-Song beispielsweise hat nicht nur das Potential zur echten Hymne, sondern wird auch noch verkauft – der Erlös geht demnach an das örtliche Impro-Theater. Das passt ziemlich gut, weil diese Nummer tatsächlich auch ein wenig nach Impro klingt – oder liegt hinter solchen Textzeilen ernsthafte Planung?

„Wenn ich an enn Summeraamd / auf der alte Meebrück steh‘ / un‘ mir beim Silvanerschöpple / mei Würzburch so anseh‘ / Des Käbbele, die Festung / un under mir der Mee, dazu ä Gläsle Frangewein, wie is die Welt doch schöö! schöö! schööö!“

Leider nicht mehr verfügbar (vermutlich: aus Gründen) ist der Marketing-Coup schlechthin, wenn es um singende Politiker geht. Der CSU beispielsweise wird nachgesagt, dass sie bei jüngeren Wählern nicht als zwingend cool oder womöglich hip gilt. Was läge also näher, als sich voller Selbstironie mit diesem Phänomen zu beschäftigen, dachte sich der niederbayerische Nachwuchsmann Josef Heisl – und ließ sich deshalb die folgende Zeilen quasi auf den Leib rappen:

„Der Kerl setzt se für wos ei,
ned so wie du.
Der packt scho a,
wenn sei muas,
und is bei da CSU.“

„Ha! Bei da CSU is a?
Oh liiiiiaba Herrgod!“

(über das auch für JU-Gangsta-Rapper ungewöhnliche Versmaß sehen Sie bitte einfach hinweg)

Und dann das, was jeder echte Rap haben muss – das Crescendo, der Schlachtruf:

HEYHO, HEISL JOE! HEYHO, HEISL JOE!

Der Zweck heiligt die Mittel: Der HEISL JOE firmiert inzwischen gerne offiziell als Josef Heisl jun. und ist Mitglied des niederbayerischen Bezirkstags. Soll noch einer sagen, es lohne sich nicht zu singen.

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