Schleich di, Scheich

Realsatire_wurst_2Wenn man für eine Seite mit dem Titel „Realsatire“ eine Kolumne schreiben soll, die sich irgendwie mit Bayern und manchmal dem Rest der Welt beschäftigen soll – dann fängt man am besten mit einem Fußballverein namens TSV 1860 München an.Weil man bei diesem Thema nicht erst lange suchen und dem Leser erklären muss, was genau hieran Realsatire sein soll. Man muss, beispielsweise, nur ein paar Zahlen hinschreiben:

  • 6 Jahre.
  • 10 Trainer.
  • 9 Geschäftsführer.
  • 7 Vizepräsidenten.
  • 5 Präsidenten.

Und am Ende stehen nochmal ein paar Zahlen. 3, 4 oder 5. Mit dem Zusatz „Liga“ weiß man dann, was herausgekommen ist, wenn ein jordanischer Investor versucht, einen bayerischen Arbeiterclub zu übernehmen, wobei man alleine dieses Konstrukt schon für Realsatire halten muss, selbst ohne nähere Kenntnis des Freistaats und seiner Besonderheiten.

Ach ja, der jordanische Investor. Wenn Sie nicht gerade im Münchner Dunstkreis unterwegs sind und sich nebenher für Fußball interessieren, haben Sie den Namen Hasan Ismaik womöglich noch nie gehört. Das macht nichts, das ging den meisten fußballinteressierten Münchnern auch nicht anders, als der Mann im Jahr 2011 wie eine (Sie verzeihen den müden Witz) Fata Morgana auftauchte und die zu diesem Zeitpunkt mal wieder völlig ruinierten Löwen mit etlichen Millionen vor dem sicheren Untergang rettete.

Und was da für Millionen fällig waren: beispielsweise eine als Rückzahlung an eine osteuropäische Millionärin, die damit, so munkelt man, einem minderbegabten jungen Mann aus der Verwandtschaft einen Profi-Vertrag sichern wollte. Diese Geschichte kann man für eine ziemliche Räuberpistole halten, man sollte sie aber nicht ausschließen. Weil, wie wir noch sehen werden, alleine in dieser Saison derart viele eher unbegabte Kicker bei den Löwen auftauchten, so viele reiche osteuropäische Tanten kann es gar nicht geben. Was es in diesem Jahr auch gar nicht brauchte: Während man der Osteuropäerin wenigstens einen ordentlichen Millionenkredit abknöpfte,  gab man in diesem Jahr den Unbegabten auch noch reichlich Geld. Und natürlich auch den Beratern, die all diese Juwelen nach München brachtem. Das wiederum musste Ismaik bezahlen, weil: Die Löwen hatten ja gar keine Kohle für sowas.

Und wie es sich bei 1860 gehört – wurde das, entgegen aller anderen Gepflogenheiten, auch noch ordentlich protokolliert und im Handelsregister veröffentlicht (bitte lachen Sie nicht, beim HSV verlieren Manager schon mal Rucksäcke mit sämtlichen Gehaltsunterlagen). Wenn Sie also schauen mögen:430x645

Die Kollegen der „tz“ in München hatten übrigens noch eine hübsche realsatirische Rechnung  für die Ismaik-Jahre bei 1860:

 

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Kann man so sehen. Ein gewisser Ribamar (Ablöse: siehe Handelsregister) brachte es in der Rückrunde nicht mal auf 90 Minuten Spielzeit und stand zuletzt meistens gar nicht mehr im Kader. Der Nationalspieler Frank Boya, mit Kamerun Afrika-Cup-Sieger, schaffte allerdings den einsamen Rekord: Er stand keine Sekunde für 1860 auf dem Platz. Diejenigen, die mittlerweile an der Existenz eines Menschen dieses Namens zweifeln, können aber beruhigt sein: Er wurde diese Woche fotografiert, als er nach dem Ausräumen seines Spinds das Vereinsgelände verließ.

Aber auch ohne Zahlen gibt es noch ein paar Funfacts über diese ganz besondere Perle weißblauer Seligkeit.

Einer der verschlissenen neun Geschäftsführer trug ernsthaft den schönen Namen Anthony Power. Als am Dienstag das Relegationsspiel gegen Regensburg in die Hosen zu gehen begann, soll der mit überaus ansehnlichen Muskeln ausgestattete Power auf den Kassenwart der Vereinsjugend losgegangen sein, weil der wiederum mit „Ismaik raus“ etwas rief, was man im mittlerweile etwas despotisch geführten bayerischen Arbeiterclub besser nicht sagt (Stand heute zumindest – niemand weiß, wie lange der Jordanier in München noch da ist). Jedenfalls waren nach Augenzeugenberichten ernsthaft fünf gestandene Bayern nötig, um den Mann, den sie im Verein „Ismaiks Axt“ nennen, wieder vom armen Jugendleiter wegzuholen.

Verwunderlich wäre es nicht: In der Power-Amtszeit wurden St.Pauli-Funktionäre ihres Platzes verwiesen, weil sie zu laut in der Nähe Ismaiks über einen Treffer gejubelt hatten. Und Journalisten kamen auch kaum mehr zu den Spielen. Power sperrte sie schlichtweg aus…

Apropos Kassenwart und Geschäftsführer: Wo das Geld der Sechzger momentan abgeblieben ist, weiß man nicht so genau. Die „Abendzeitung“, auch so ein Fall Münchner Großmannssucht, berichtet jedenfalls, die Konten seien leer. Geplündert. Nix mehr da. Gut, das haben sie bei den Schleckers damals auch gesagt. Aber bei den Löwen kann man sich dummerweise vorstellen, dass es stimmt. Der Fairness halber muss man sagen, dass der Verein inzwischen sagt, dass das nicht stimme. Ein richtig heftiges Dementi liest sich allerdings anders. Uli Hoeneß hätte jedenfalls in einem solchen Fall die „Abendzeitung“ in Schutt und Asche legen lassen.

Jedenfalls soll jetzt Hasans Power-Axt möglicherweise wieder die Geschäftsführung übernehmen. Wird zumindest spekuliert. Weil der Millionen-Euro-Manager aus der Premier League nach sagenhaften acht Wochen wieder gekündigt hat. Er umschrieb die Kündigung mit wolkigen und netten Worten, die sich auf einen Nenner bringen lassen: „DAS HAT ABSOLUT KEINEN SINN MIT DENEN!“ 

Und wieder für die Zahlenfreunde unter den Lesern:
Zahl der Fußballvereine, für die Anthony Power vor den Löwen bisher gearbeitet hat: 0.
Das macht aber nichts. Weil Power sich ohnehin erstmal um Dinge kümmern müsste, die mit Fußball nicht so wirklich viel zu tun haben. Beispielsweise um Getränkebecher. Dazu muss man wissen, dass die Sechzger inzwischen nur noch Mieter in dem ehemals zur Hälfte ihnen gehörenden Stadion sind (Vermieter ist der von Löwen traditionell nicht so sehr gemochte FC Bayern). Beim Relegationsspiel am Dienstag waren die Caterer in der Arena jedenfalls etwas überrascht davon, dass tatsächlich über 60.000 Menschen ein Spiel zwischen einem sehr mäßigen Zweit- und einem Drittligisten sehen wollten. Am Ende gingen die Becher dann aus und die Caterer griffen zu einer Notlösung, die für den Löwenfan als solchen die schlimmstmögliche Demütigung ist:

 

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Achja, kommen Sie, zwischendrin nochmal ein paar Zahlen:
Mannschaften des TSV 1860, die nach dieser Saison abgestiegen sind: 5.
Werner Lorant übrigens, vor gefühlten Dekaden mal Trainer der Löwen und von der SZ diese Tage mal als nicht sonderlich sympathisch, aber wenigstens ulkig beschrieben, hat sich auch Gedanken zur Misere gemacht.  Seine Lösung ist erfrischend einfach:

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Lorant trainiert übrigens aktuell einen österreichischen Viertligisten. Woraus man schließen könnte, dass es mit seiner Trainer-Laufbahn wieder steil nach oben geht. Davor hatte er nämlich ein Engagement in der Bezirksliga.

Bleiben Sie also den Sechzgern gewogen, wenn Sie möglicherweise Freunde der Realsatire oder des Freistaats Bayern oder verrückterweise womöglich beides sind. Das realsatirische Potential ist unerschöpflich, selbst dann, wenn die Löwen in der 5. Liga antreten müssen. Sollte Scheich Hasan bleiben und seinen Power-Toni mitbringen, wird es die unterhaltsamste 5. Liga aller Zeiten.

Und wenn nicht? Dann auch.

Realsatirischer Epilog:

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Heute hat Hasan Ismaik sich außerstande gesehen, weitere Millionen in den Verein zu pumpen und beschlossen, den Verein nicht nur in die 3. Liga absteigen zu lassen, sondern in die 4. oder 5.  Profi-Fußball ist bei 1860 erstmal Geschichte.

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