Der Greis ist heiß

Schön, dass Sie immer noch dabei sind bei unseren kleinen Lektionen über den Freistaat, der über das größte Realsatire-Potential Deutschlands verfügt. In der letzten Folge haben Sie gelernt, dass der Bayer als solcher beides in einem sein kann: sturer Stammwähler absoluter Mehrheiten und gleichzeitig schärfste Opposition seiner selbstgewählten Mehrheit. Zu sicher sollte sich jedenfalls hier niemand seiner Macht sein.

Jaja, schon gut, ich ahne: Sie haben jetzt mal eben gegoogelt und festgestellt, dass die Regierungszeit der CSU in Bayern mit ungefähr 200 Jahren schon ein bisschen zu lang ist, um davon reden zu können, dass sich in Bayern seiner Macht niemand sicher sein kann. Aber glauben Sie mir einfach. Das hat viel damit zu tun, dass wir Bayern wissen, dass es eh egal ist, welche Partei das tut, was wir wollen. Im Übrigen hat das schon Franz Josef Strauß gesagt: Es sei ja am Ende völlig Wurscht, wer unter ihm Kanzler sei. Das galt, zumindest aus Straußens Sicht, auch für Helmut Kohl, auch wenn man das in den Tagen der Kohl-Heiligsprechung nicht mehr laut sagen darf.

Trotzdem verweisen wir an dieser Stelle noch schnell darauf, dass Kohl den Tag der Deutschen Einheit just auf Straußens Todestag am 3. Oktober gelegt hat und man schon ein Schelm sein muss, um Schlechtes dabei zu denken.

Trotz unserer buchstäblichen Liberalitas Bavarica (die heißt wirklich so – und nicht „Bavariae“) gibt es aber für uns ein paar Dinge, die man im Neudeutschen als No-Go bezeichnen müsste. Bei ein paar bestimmten Personen und Weltanschauungen sagt der Bayer einfach nur „Gschwerl“ und lässt es damit gut sein. Das hat aber noch nicht jeder verstanden, scheint es. Anders ist es jedenfalls nicht zu erklären, dass im nordschwäbischen Gundelfingen jemand dieser Tage eine Auktion von Statuen und Büsten versucht hat. Mit im Angebot: Lenin, Stalin und ein paar andere unter striktem Gschwerl-Verdacht stehende Persönlichkeiten. Vorbereitet war alles, sogar ein Livestream, mit dem die Welt hätte Zeuge werden können dieses erstaunlichen Vorgangs: Stalin und Lenin in Gundelfingen, Startpreis 11.000 Euro.

Damit beeindruckt man den gestandenen Bayern allerdings keineswegs. Was zur Folge hat: Für Stalin gingen genau null Angebote ein, für Lenin ebenfalls und alle anderen auch. Der Veranstalter ist zwar zuversichtlich, dass die Dinge jetzt ins Rollen gekommen sind und der Andrang sich beim nächsten Mal explosionsartig vermehren dürfte. Vorerst aber gilt, was die örtliche Donau-Zeitung lakonisch festgestellt hat:

Falls Sie Interesse haben sollten: Stalin und Lenin gibt es noch bis Mitte Juli zu ersteigern; vielleicht gibt es ja für beide zusammen Rabatt. Und einen echten Stalin im Garten stehen haben, wer kann das schon von sich sagen?

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Der Bayer zeichnet sich ansonsten durch seine Beharrlicheit aus; andere nennen das auch mal Dickschädeligkeit, aber das ist natürlich hoffnungslos übertrieben. Vereinfacht gesagt: Wenn er etwas will, der Bayer, dann setzt er alles daran, es auch zu bekommen. In Landshut beispielsweise, der Hauptstadt des ebenfalls in der letzten Folge schon erwähnten, sehr speziellen Niederbayern, hat unlängst ein bereits etwas reiferer Herr beschlossen, sich nochmal systematisch zu etwas Liebesglück zu bringen. Das Vorgehen war von einer gewissen Zielstrebigkeit geprägt.

Schritt 1: Viagra kaufen.

Schritt 2: Viagra auf Supermarkt-Parkplatz einnehmen.

Schritt 3: Noch ein paar Flaschen Bier aus dem Supermarkt holen und an Ort und Stelle trinken (sicher ist sicher).

Unser Proband hat die Wirkung dann leider etwas unterschätzt, weil, wie die Polizei so charmant schreibt, „er es plötzlich eilig hatte und ein Bordell aufsuchen wollte“. Das ist ein bisschen schwierg, wenn man schon einigermaßen Alkohol intus hat und zudem „ganz massiv die Sofortfolgen der Tablette“ verspürt (ebenfalls O-Ton der Polizei). Der Mann rammte ein anderes Auto, setzte seine Fahrt in das Freudenhaus dennoch zügig fort.

Den Rest der Geschichte lassen wir wieder die Polizei erzählen, weil niemand es so prima schafft, Realsatirisches noch realsatirischer klingen zu lassen:

„Dort legte er einen dreistelligen Eurobetrag auf den Tresen und erhoffte sich dadurch eine rasche Linderung seiner ,Beschwerden‘. Zu einer inneren ,Erleichterung‘ kam es jedoch nicht, Schuld daran war die schnelle polizeiliche Festnahme.“

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Und weil wir so ein Herz für Unkonventionelles haben, haben wir inzwischen in Bayern (genauer gesagt im fränkischen Mellrichstadt) die erste Udo-Lindenberg-Schule. Bezugspunkte zu Lindenberg haben weder die Schule noch der Ort. Und Bedenken, dass der Rockmusiker ein nicht ganz fehlerfreies Idol ist? Aber doch nicht in Bayern. Zitat aus der Süddeutschen Zeitung: „Dass Lindenberg die eine oder andere Erfahrung mit Betäubungsmitteln gemacht haben soll, ist auch den Menschen im Kreis Rhön-Grabfeld nicht verborgen geblieben. Aber die Schüler sind dann gemeinsam zu Konzerten gefahren, nach Nürnberg und Erfurt. Und dort hat ihnen ein 71 Jahre alter Mann mitgeteilt, dass er über Erfahrungen verfüge, von denen er nur abraten könne. ,Mit Drogen haben wir hier kein Problem‘, sagt der Rektor. Dass es künftig eines geben könnte, weil wohl schon nach den Sommerferien in großen Lettern ,Udo Lindenberg‘ an der Schule stehen wird, das könne er sich beim besten Willen nicht vorstellen.“

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