Aus dem Paradies verbannt

Als Deutscher habe ich ein Weltvisum. Und auf die magische Macht meines deutschen Reisepasses verlasse ich mich seit Jahren. Meine Eltern durften vor 1989 eigentlich nicht nach Prag, definitiv nicht nach Budapest und nur als Studienreise nach Moskau. Ich jedoch bekomme in 52 Ländern „Visa on arrival“. Der beste Pass der Welt. Ich habe ihn durch Geburt und Mauerfall erworben. Meine Herkunft, mein Geburtsdatum, mein Gardemaß und meine Augenfarbe (graugrünblau) sind auf einem laminierten Streifen auf der ersten Seite dieses Passes verborgen.

Bei jedem Grenzübertritt wird mein Reisepass von groben Männerhänden aufgerissen, hintenüber gebogen und durch einen Schlitz gezogen, um ebenjene Informationen auszulesen. Als international aktiver Kameramann habe ich viele Grenzübertritte. Fünf Jahre heftigster „Behandlung“ dieser Art führen zwangsläufig dazu, dass die Bundesdruckereibuchbindernaht meines germanischen Passes etwas nachgibt. Dies hat an einem dunstverhangenen Morgen in Indien Folgen.

Wie gewöhnlich übernächtigt, in Schlabberhosen und Badeschlappen, checke ich in Mumbai ein. Morgen soll ich, vertragsgemäß, in Beirut sein. Herr Kumar am Check-in-Schalter sieht das anders: Die Naht ist lose, der Pass beschädigt – und mit einem „damaged passport“ wird er mich nicht fliegen lassen. Hilflos, unterwürfig rufe ich bei der deutschen Botschaft an. Und natürlich wird mir geholfen. Drei Autorikschafahrten später: Ich erhalte von einer mitleidig blickenden und kompetenten Dame der „Djörmänn Hai Kommischen“ einen grünen, vorläufigen deutschen Reisepass und bin wieder Jemand beim Einchecken. Herr Kumar von Emirates Airlines winkt mich durch.

Mein Hirn speichert diesen schmerzhaften Vorgang leider nur unter „Ja, Ja… du musst mal wieder auf dein Bürgeramt im fernen Bratwurstland und dir ‘nen neuen Bordeauxroten ausstellen lassen“. Erledigung, später. Treudoof fliege ich meinen Filmaufträgen hinterher, in den Libanon, nach Mumbai, nach Delhi, nach Singapur. Schließlich filme ich in Vorfreude aus dem Flugzeugfenster den Anflug vom Meer aus auf Bali. Hier soll ich mit einer lieben Kollegin ein paar Tage drehen. Wenn alles gut läuft, haben wir zwei Tage am Strand. Juhu. Schöner wird mein Berufsleben niemals.

Ich werde das Paradies nicht erreichen. Der Türsteher Balis mag meine Schuhe nicht. Und meinen Pass. Mit meinem grünen deutschen komme ich hier nicht rein. Ich habe den falschen „temporary passport“. „You are being turned around!“ „Ich werde umgedreht?“ Aber der Pass gilt ein Jahr, bis 2019, höre ich mich protestieren. Ein neues indonesisches Gesetz stürzt mich ins Unglück. Ich darf nicht hinein, werde aussortiert und in hässlichen Neonröhrenbüros peinlich befragt. Völlig hilflos verabschiede ich mich winkend von meinen Freunden und Kollegen aus der Immigrationswarteschlange. Die Airline hätte mich niemals mitfliegen lassen sollen, sagt mir ein Beamter mit kugelsicherer Weste. Mein Koffer wird mir übergeben, ab jetzt werde ich deportiert und eskortiert.

Bali ist das Mallorca der Australier, leider fliegen sehr viele unangenehme Menschen hierher und fallen auf. Dadurch sehen sich die indonesischen Beamten gezwungen, sehr forsch aufzutreten. Eine schreiende Dame in einem zeltartigen, blumenbedruckten Kostüm schlägt einen alten Mann mit hochrotem Kopf, die Flugbegleiterin scheint seinen Alkoholpegel gepetzt zu haben. Eine Weißrussin kann ihre Visagebühr nicht bezahlen und bietet den Beamten Münzen ihrer letzten Durchreiseorte.

Ich beschließe, zu meinem Geleitbeamten auffallend nett zu sein. Adhiarja merkt schnell, das ich zwar ein Trunkenbold, aber kein australischer bin. Bewaffnet mit Warnweste und Walkie-Talkie erklärt er mir, dass sein Name „Sicherheit“ bedeutet und ich in Sicherheit sei. Bei Caprese, Schinken-Rucola-Pizza und Bier im Transitwohlfühlrestaurant mache ich ihm klar, das mich das sehr erleichtert. Immer wieder muss er „rumfunken“, dass der freundliche, aber dicke Weiße noch nicht mit seiner Pizza fertig ist. Ohne Tiramisu werde ich gezwungen, meinen Deportationsflug zu kaufen. Ich muss zu dem Flughafen zurückfliegen, aus dem ich kam. So befiehlt es das indonesische Gesetz. Ich darf nicht zum Ziel meiner Wahl fliegen. Ich werde auch gezwungen, dieselbe Airline zu buchen. Ob ich Kreditkarte oder bar bezahlen möchte, fragen mich zwei Herren mit Handschellen und ein ungehaltener Herr hinter schusssicherem Glas. Zu meinem Erstaunen ist noch ein bisschen Luft im Dispo. Ich bevorzuge das gegenüber Tellerwaschen für 253 Euro in uniformierter Begleitung am Flughafen Bali.

Ich sitze also dort und warte auf meinen Flug – 18 Stunden lang. Ein gekachelter Raum, vier Sessel und ein Sofa aus der Zeit vor der christlichen Luftfahrt. Fünf Abschüblinge und vier Sicherheitsjünglinge. Ich wähle ein Kissen und den Kachelboden. Es gibt Wifi, sogar relativ flinkes. Nach der zweiten Netflix-Staffel „Dear white people“ habe ich wieder Hunger. Die pakistanischen und chinesischen Abschüblinge bekommen mit großem Trara „Biznis-Klass“-Ess-Pakete, die leicht an Katzenfutter erinnern. Der privilegierte Weißling mit dem falschen deutschen Pass geht unter Begleitung dinieren, wiederholt paffen und shoppt Duty-free.

Es ist fünf Uhr morgens, unter Ächzen schlafen die Kachelzimmerbewohner auf dem kalten Boden. Sie drehen sich in die wildesten Positionen, betten ihre Häupter auf ihr Handgepäck, stopfen Jacken unter die Hüften, um auf dem harten Boden schlafen zu können. Mir werden die Ausstrecksessel im Eincheckbereich der First Class angeboten. Ich schlafe keine Minute. Kaufe Dosenbier im Minimarket und rauche dem Sonnenaufgang entgegen. 16 Stunden Flug über Singapur, Kuala Lumpur nach Kathmandu warten auf mich – ein Riesenumweg, wegen der Deportation.

Endlich werde ich zum Stempeln begleitet. Deportation erfolgreich, denken meine Begleiter. Ich bekomme nun aber richtig Ärger, denn hinter dem Stempelexperten hängt ein riesiges „Deport“-Stempel-Poster, das ich zwanghaft mit dem Deportationsexperten zusammen fotografieren möchte. Zack, entreißt er mir das Telefon, löscht das Foto, geht in den „Gelöschte-Bilder-Ordner“ und löscht auch dort das Foto. Hackt wild auf seinem Rechner rum und brüllt „black listed“. In die Cloud meines Telefons hat er es nicht geschafft. Ich habe das Foto auf der Gangway zum Flugzeug wiederhergestellt.

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